Bei unseren Instituts-Treffen sprechen wir immer wieder über den Plan ein Buch über "Sankt Martin als Kriegsdienstverweigerer" zu verfassen...


Sankt Martin wollte, nachdem er Christ geworden ist, nicht länger Soldat sein.

Sankt Martin: Mehr als Mantelteilen! Ein pazifistischer Blick auf einen beliebten Heiligen. Autor: Markus Weber, Referent für Friedensbildung/pax christi Freiburg


Der Heilige Martin von Tours (316/7-397) gehört zu den beliebtesten Heiligen in Europa. Am "Martinstag", den 11. November, wird vielerorts an ihn erinnert. Meist ziehen hierzulande dann Kinder mit ihren selbstgebastelten Laternen durch die abendlichen Straßen der Dörfer und Städte. Dann wird ein Feuer entzündet, es wird gesungen, es werden Martinsweckle und Weckmänner gegessen. Und oftmals wird auch die bekannte Szene nachgespielt, in welcher der Soldat Martin seinen Mantel mit einem Bettler teilt. So weit, so bekannt - lebendiges Brauchtum eben.

Weniger bekannt ist hingegen, dass diese Episode der Wendepunkt im Leben des Soldaten Martin war. Denn er ließ sich daraufhin taufen und quittierte seinen Militärdienst im römischen Heer. Martin soll sogar vor den Kaiser Julian getreten sein und ihm erklärt haben: „Bis heute habe ich dir gedient, gestatte mir, dass ich jetzt Gott diene. Ich bin Soldat Christi. Es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen!“

Anscheinend schloss es sich zu Zeiten Martins aus, zugleich Soldat des Kaisers/Imperiums und Soldat Christi zu sein.

Und tatsächlich reiht sich Martin mit seiner Kriegsdienstverweigerung in die Tradition der Alten Kirche ein. Nach dieser kamen die Christinnen und Christen der ersten Jahrhunderte gemäß dem Aufruf Jesu zur Feindesliebe und zum Gewaltverzicht in der Bergpredigt, aber auch gemäß der paulinischen Ethik gar nicht auf die Idee, Waffen zu tragen und Militärdienst zu leisten (wie man bei Kirchenvätern wie Origenes, Hippolyt oder Cyprian von Karthago nachlesen kann).

Diese weit verbreitete pazifistische Einstellung der Alten Kirche änderte sich freilich in dem Moment, in dem der römische Kaiser Konstantin im Jahre 312 bei der Schlacht an der milvischen Brücke im Zeichen des Kreuzes siegt („in hoc signo vincis“) und fortan Christinnen und Christen Zugang zur Macht in Regierung und Politik erhielten. (Nebenbei: auch die Bundeswehr gebraucht das Kreuz immer noch als Emblem für ihr Kriegsgerät!)

Das daraus resultierende theologische Dilemma, zugleich Christ und Soldat sein zu wollen, versuchte Aurelius Augustinus mit seiner „Lehre vom gerechten Krieg“ aufzulösen. Eine Lehre, die später von Thomas von Aquin weiterentwickelt wurde und die bis heute das Denken der Großkirchen (im Unterschied zu den Friedenskirchen, den Mennoniten und Quäkern) prägt.

Mehr und mehr scheinen sich aber auch die Großkirchen wieder verstärkt auf die christliche Gewaltfreiheit, wie sie Jesus verkündet und auch vorgelebt hat, zu besinnen. So wird in ihrer Friedensethik zunehmend die Lehre vom gerechten Krieg vom Leitbild des gerechten Friedens abgelöst. Einem Leitbild, das dazu anleitet, direkte, strukturelle und kulturelle Gewalt in Konflikten um Macht und Herrschaft gewaltfrei zu transformieren. Innerhalb der Katholischen Kirche hat sich hier beispielsweise eine Catholic Nonviolence Initiative[1] gegründet, die im Jahr 2016 von Pax Christi International initiiert wurde und an die auch Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2017[2] anknüpfte. Und hierzulande hat die Badische Landeskirche einen bemerkenswerten Diskussionsprozess zu einer Neuorientierung der Friedensethik gestartet, der in einen viel beachteten friedensethischen Beschluss der Herbstsynode 2013 mündete.[3] Als ein Ergebnis dieser friedensethischen Neuorientierung wurde u.a. ein Szenario erarbeitet, das aufzeigt, wie Deutschland analog dem Ausstieg aus der Atomenergie bis zum Jahr 2040 auch die militärische Friedenssicherung überwinden könnte.[4]

Aber ist solch ein Ansinnen, ist solch eine Forderung nach konsequent ziviler bzw. gewaltfreier Konfliktbearbeitung nicht naiv?

Wer so fragt, verwechselt diese Art der Gewaltfreiheit vermutlich mit Passivität. Doch um die ging es Jesus nicht. Ihm ging es weder um Passivität noch um gewaltsame Revolte, weder um Unterwerfung noch um einen bewaffneten Aufstand, weder um Ergebung noch um Rache, weder um Rückzug noch um direkte Vergeltung, weder um Flucht noch um Kampf. Vielmehr weist Jesus uns einen dritten Weg: Es ging und geht ihm um aktive Gewaltfreiheit, also um den aktiven gewaltfreien Einsatz für Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden.[5]

Dass eine derart verstandene, aktive Gewaltfreiheit nicht naiv ist, zeigt beispielhaft der Blick auf die friedliche Revolution in der DDR. Diese Revolution, die aus der Kirche kam, übersetzte die Alternative Jesu der Gewaltlosigkeit in die Handlungsmaxime „Keine Gewalt“ und praktizierte sie konsequent auf der Straße, wie der damalige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, Christian Führer, es einmal formuliert hat.[6]

Dass eine solch friedliche Revolution wie damals in der DDR kein Einzelfall ist, kann man u.a. einer Studie der beiden US- amerikanischen Wissenschaftlerinnen Maria J. Stephan und Erica Chenoweth entnehmen. [7] Dort zeigen sie zudem, dass gewaltfreie Aufstände in den weltweiten Konflikten der letzten 100 Jahren fast doppelt so wirksam waren wie gewaltsame Aufstände.

Wenn aktuell also die Menschen in Belarus gewaltfrei auf den Straßen ihres Landes für Demokratie und Menschenrechte protestieren, handeln sie nicht nur im Sinne der christlichen Botschaft, sie handeln auch taktisch und politisch klug.

Wäre vor diesem Hintergrund also nicht vielmehr zu fragen, ob angesichts der mageren Ergebnisse beispielsweise der langwierigen Militär-Interventionen in Afghanistan und Libyen sowie im Irak nicht der Glaube an die Wirksamkeit militärischer Gewalt naiv ist? Schließlich zeigen internationale Studien längst, dass die starke Fokussierung unserer Außen- und Sicherheitspolitik auf Militär gemessen an ihrem Beitrag zur Erreichung politischer Ziele mindestens unvernünftig ist.

Das alles kann uns mit Blick auf den Heiligen Martin vielleicht zu folgenden Fragen führen:

Wann, wenn nicht jetzt, wäre es an der Zeit, die pax romana gegen die pax christi einzutauschen?

Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Zeit für eine echte „Umkehr zum Frieden“?[8]

Wann, wenn nicht jetzt, wäre es an der Zeit, unsere Kollaboration mit dem Komplex „Mammon – Macht – Militär“ zu beenden und an seine Stelle „Teilen – Geschwisterlichkeit – Gewaltfreiheit“ zu stellen?[9]

Vielleicht ist es eine Pointe der Geschichte, dass der Heilige Martin heute der Patron der Soldaten ist. Auf alle Fälle aber ist der Martinstag ein guter Anlass, dass wir uns den Kriegsdienstverweigerer Martin und das pazifistische Erbe der Alten Kirche stärker ins Bewusstsein rufen.

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[1] https://paxchristi.net/programmes/catholic-nonviolence-initiative/

[2] https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Botschaften/2017-Botschaft-zum-Weltfriedenstag.pdf

[3] https://www.ekiba.de/html/content/kirche_des_gerechten_friedens950.html)

[4] Szenario "Sicherheit neu denken: Von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik https://www.ekiba.de/html/content/szenario_sicherheit_neu_denken.html

[5] Vgl. Wink, Walter: Im Angesichts des Feindes. München 1988.

[6] Vgl. Führer, Christian: Wenn Menschen die Welt bewegen. Publik-Forum 13/2014.

[7] Chenoweth, Erica; Stephan, Maria J.: Why civil resistance works. The strategic logic of nonviolent conflict. New York 2011. Mehr zu den Studien und den folgenden Argumenten unter https://www.sicherheitneudenken.de/html/content/zivile_sicherheit_ist_wirksam.html

[8] „Umkehr zum Frieden“ lautet das Motto der Ökumenischen Friedensdekade 2020.

[9] Vgl. Bürger, Peter: Die katholische Lehre „Humani generis unitas“ für das dritte Jahrtausend. In: „Frieden. Impulse für die Pastoral 2/2018“. Herausgegeben vom Rektor des Erzbischöflichen Seelsorgeamtes Domdekan Andreas Möhrle, Freiburg 2018.


Leserbrief von Clemens Ronnefeldt

 

Sehr geehrte Damen und Herren der SZ-Redaktion Freising, beiliegend sende ich meinen Leserbrief zum Artikel "Helfen und teilen", SZ-Lokalteil Freising 11.11.2020.

 

 

 

Martin von Tours: Patron der Kriegsdienstverweigerer

 

 

Im SZ-Artikel über Martin von Tours „Helfen und teilen“ (SZ, 11.11.2020) wird über den „braven Soldaten, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte“ berichtet.

 

 

Diese sehr bekannte Handlung führte dazu, dass Martin - weil er sich für soziale Randgruppen einsetzte - als Patron der Armen und Geächteten verehrt wird. Weniger bekannt ist, dass er auch Patron der Kriegsdienstverweigerer ist.

 

 

Sulpicius Severus, der Biograph von Martin, kannte ihn persönlich - und schreibt in seiner Biographie über ihn, dass er bereits mit 15 Jahren von seinem Vater, der Offizier war, gezwungen worden war, Soldat zu werden.

 

 

Nachdem er den Mantel mit einem Bettler vor den Toren von Amiens geteilt haben soll und im Traum sah, dass dieser Bettler Christus war, soll er sich zur Taufe entschlossen haben und Christ geworden sein, so sein Biograph.

 

 

Im Jahr 356 hat er vor den Toren von Worms den Kriegsdienst verweigert, wie Sulpicius Severus im 4. Kapitel seiner Biographie schreibt:

 

 

"Unterdessen waren Barbaren in Gallien eingebrochen. Kaiser Julian zog bei der Stadt der Vangionen ein Heer zusammen und begann damit, Geldgeschenke unter die Soldaten zu verteilen. Dabei wurde nach der Gewohnheit jeder Soldat einzeln vorgerufen. So kam die Reihe auch an Martinus. Jetzt hielt dieser den Zeitpunkt für günstig, seine Entlassung zu erbitten. Er war nämlich der Ansicht, er habe keine freie Hand mehr, falls er das Geschenk in Empfang nehme, ohne weiter dienen zu wollen. Deshalb sprach er zum Kaiser: 'Bis heute habe ich dir gedient; gestatte nun, dass ich jetzt Gott diene. Dein Geschenk mag in Empfang nehmen, wer in die Schlacht ziehen will. Ich bin ein Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen'. Wutschnaubend ob dieser Rede gab der Tyrann zur Antwort, er wolle sich nur aus Angst vor der Schlacht, die für den andern Tag zu erwarten war, nicht um seines Glaubens willen dem Kriegsdienst entziehen. Doch Martinus blieb unerschrocken, ja der Versuch, ihn einzuschüchtern, machte ihn nur noch fester. So sprach er: 'Will man meinen Entschluss der Feigheit und nicht der Glaubenstreue zuschreiben, dann bin ich bereit, mich morgen ohne Waffen vor die Schlachtreihe zu stellen und im Namen des Herrn Jesus mit dem Zeichen des Kreuzes, ohne Schild und Helm, furchtlos die feindlichen Reihen zu durchbrechen'. Man ließ ihn also in Gewahrsam halten, damit er sein Wort wahr mache und sich waffenlos den Barbaren entgegenstelle. Am nächsten Tage schickten die Feinde Gesandte zu Friedensverhandlungen und ergaben sich mit Hab und Gut.“ (siehe Anmerkung Nr. 1)

 

 

Mit großer Wahrscheinlichlichkeit wurde Martin nicht - wie sein Biograph schreibt - im Jahr 336 geboren, sondern bereits im Jahr 316. Wenn er bereits mit 15 Jahren Soldat wurde, war er bei seiner Kriegsdienstverweigerung 40 Jahre alt und hatte 25 Jahre im römischen Heer gedient. Nach 25 Jahren Militärdienst konnte er als Veteran den Militärdienst beenden. Kaiser Julian Apostata war über die Kriegsdienstverweigerung von Martin so verärgert, dass der dem Veteranen Martin das übliche Landgut zur Altersversorgung  verweigerte.

 

Die SZ-Formulierung vom „braven Soldaten“ Martin ist vor diesem historischen Hintergrund nicht zutreffend.

 

 

Clemens Ronnefeldt, Diplom-Theologe,Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes,  Freising

 

 

(1) https://www.martinsjahr.bistum-trier.de/legenden-spirituelles/martin-kriegsdienstverweigerer/